1. Wachsende Resignation angesichts politischer Diskussionen
Zahlreiche Gespräche kreisen am Ende um die Fragen, wohin sich unser Land entwickelt oder entwickeln soll: Viele meiner Gesprächspartner sind keine politischen Aktivistinnen oder Aktivisten, sondern einfach Menschen, die sich um ihre Zukunft und die Zukunft Deutschland sorgen. Es fehlt Ihnen eine Vision! Was mich dabei besonders alarmiert, ist die wachsende Resignation.
Die Menschen klagen selbstverständlich über einzelne politische Entscheidungen oder Erlebnisse von nicht Funktionierendem.
Gewichtiger erscheint mir das vorherrschende Gefühl, niemand wisse so recht, in welche Richtung es eigentlich gehen soll. Selbst bei denen, die bereit wären, schwierige Veränderungen mitzutragen, fehlt das Zutrauen auf ein gutes oder zumindest besseres Ende.
Manchmal dehnt sich diese Missstimmung auch in eine grundsätzliche Infragestellung politischer Prozesse oder gar des gesamten politischen Systems aus.
2. Multikrisen als Treiber für die Suche nach Zukunftsbildern
Nur kurz eine (nicht vollständige) Aufzählung von angehäuften Problemlagen, die Zielformulierungen dringlich machen:
- Ausfälle in der Infrastruktur infolge Investitionsstau: Zugausfälle, marode Brücken, zu heiße Schulräume, geschlossene Schwimmbäder …
- Arbeitslosigkeit oder zumindest Sorge um den Arbeitsplatz infolge wirtschaftlicher Probleme, Umstrukturierungen oder auch verzögerter Anpassungen im exportorientierten Wirtschaftssystem der Bundesrepublik Deutschland
- Wirtschaftliche Sorgen – vor allem mit kleinem und mittlerem Einkommen infolge Preissteigerungen, fehlendem wirtschaftlichem Wachstum bei gleichbleibender Abgabenlast oder auch kleinen Renten
- Wachsender Unmut infolge großer Einkommens- und Vermögensverteilung und ungleicher, steuerlicher Belastung von Arbeitseinkommen und Vermögenserträgen
- Zunehmende Radikalisierung des öffentlichen Gesprächsraumes durch algorithmusgesteuerte, sogenannte „soziale Medien“ – bis zur Verhetzung einzelner Themen oder auch Personen – und Abwertung des Begriffs „Kompromiss“.
- Hitzestress und Wasserknappheit bei gleichzeitiger Wahrnehmung, dass die aktuelle Bundespolitik darauf keine Antworten findet oder gar finden möchte: Klimakrise ist aktuell kein Thema!
- Infragestellung von Menschenwürde, Gleichbehandlungsgrundsätzen, Zivilgesellschaft und demokratischen Grundregeln – aus dem eigenen Land, aber auch durch interessierte Kräfte aus dem Ausland.
- …
Diese Auswahl ist eher assoziativ und subjektiv und kann sicher erweitert werden. Die genannten Punkte zeigen aber deutlich, dass eine funktionierende und wirksame Politik dringend benötigt wird.
Ich möchte auch nicht bei der Problembeschreibung verharren, sondern weitergehen und nach Lösungen suchen:
3. Wer Zumutungen mittragen soll, möchte wissen, warum
Unser Land ist stark und viele Menschen können auch große Problemlagen lösen! Das zeigt mir unsere Geschichte.
Allerdings, wenn ich herausgefordert werde, mehr oder härter zu arbeiten oder Einschnitte beim Lebensstand hinzunehmen, möchte ich wissen, wohin diese Anstrengung führen soll, also warum ich mich anstrengen soll. Das wird sehr vielen Menschen so ergehen.
Der Ertrag der gemeinsamen Anstrengung muss außerdem glaubhaft fair verteilt werden, damit die Bereitschaft für Mehrleistung überhaupt entstehen kann!
Statt immer wieder zu beschreiben, wogegen wir uns wehren oder was wir ablehnen, könnte eine Entwicklung eines gemeinsamen Zielbildes erhebliche Motivation und Kreativität hervorbringen.
Pädagogen wissen, dass ein gewünschtes Verhalten zu benennen zielführend ist und unerwünschtes Verhalten möglichst nicht erneut beschrieben werden sollte.
Meine Wahrnehmung der aktuellen Politik trägt dem kaum Rechnung: Es wird viel geklagt, angeklagt und bejammert; große Lösungsbilder mit ausgefeilten Maßnahmen-Kaskaden höre ich leider kaum oder gar nicht.
Meine These: Wir benötigen einen gesellschaftlichen Prozess der Klärung und Formulierung von erstrebenswerter Zukunft. Früher hätte ich das eine Vision genannt – warum eigentlich nicht auch heute?
Dafür benötigen wir
- eine ehrliche Bestandsaufnahme
- echtes, aufrichtiges Zuhören
- offene Gesprächsräume
- Geduld mit Frustrationstoleranz
- und eine große Kompromissbereitschaft.
4. Es gibt schon eine Reihe von entwickelten Zukunftsbildern!
In den letzten Jahren wurden eine Reihe von Zukunftsbildern entwickelt und veröffentlicht.
Eine Auswahl:
Die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“, beauftragt von BUND und Misereor, durchgeführt vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie untersuchte die Themenkomplexe Energie und nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit
Die Studie, die Z_punkt mit der Prognos AG, im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zur „Zukunft von Wertvorstellungen der Menschen in unserem Land“ untersucht die Bedeutung der Werte
Deutschland im Jahr 2050: In den Kopernikus-Projekten erforscht und entwickelt Germanwatch mit Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft Technologien und Konzepte für Gesellschaft, Wirtschaft und Industrie, die dazu beitragen, Klimaneutralität zu erreichen.
Die umfassende BDI-Studie „Transformationspfade für das Industrieland Deutschland“ (erstellt mit BCG und dem IW) zeigt, dass Deutschland bis 2030 über eine Billion Euro an zusätzlichen Investitionen benötigt, um seine Wettbewerbsfähigkeit und Klimaziele zu sichern und ein Fünftel der industriellen Wertschöpfung vor dem Verlust zu bewahren.
Leider sind diese Ansätze meiner Wahrnehmung nach nicht im öffentlichen Bewusstsein und bleiben eher in Nischen des Meinungsspektrums oder ausgewählten Gruppen.
Um wirksam zu werden, müssen sie in die öffentliche Diskussion befördert, zitiert, diskutiert und weiterentwickelt werden.
5. Warum werden bereits entwickelte Szenarien gesamtgesellschaftlich noch nicht hinreichend wahrgenommen und diskutiert?
Bislang sind solche Studien von interessierten Kreisen beauftragt und darum auch immer verdächtig worden, Partikularinteressen zu bedienen.
Die Fragestellungen sind komplex (Vieles hängt mit Vielem zusammen, Bedingungen und Wechselwirkungen sind nicht überschau- oder begreifbar, so dass Voraussagen kaum seriös möglich sind): Die Beschäftigung mit den Szenarien ist anstrengend.
Die Sprache ist oft abstrakt oder wissenschaftlich, statt auf konkrete Handlungsoptionen zielend.
Unsere Medienlandschaft ist kurzlebig und oft hektisch. Die politische Aufmerksamkeitsspanne ist daher wenig nachhaltig. Die Legislaturperioden sind zu kurz für langfristige Transformationskonzepte.
Fachleute, Thinktanks oder Regierungskommissionen verfassen solche Studien und dadurch fühlen sich Bürgerinnen und Bürger mehr als Besprochene denn als Beteiligte.
6. Wie können solche Zukunftsbilder in die gesamtgesellschaftliche Diskussion gebracht und weiterentwickelt werden?
Zukunftsbilder, mit denen sich die Menschen in Deutschland identifizieren wollen und können, müssen meiner Meinung nach partizipativ, konsensual und langfristig entwickelt werden.
Wahrscheinlich bedarf es eines langen Atems, vielfältiger Kooperationen mit Medien, Bildungseinrichtungen, Moderatoren-Pools und auch Kommunikations-Experten, die dann für die anschauliche Darstellung jeweiliger Ideen und Vorstellungen sorgen können.
Vielleich findet sich ein langfristiger, organisatorischer Rahmen, etwa durch eine gemeinsame Förderung aus staatlichen und zivilgesellschaftlichen Mitteln, um aus den Kurzfristigkeiten aus Medien- und Politik-Rhythmen auszusteigen.
Versuche sind zum Beispiel die Initiative D2023. Dort wird versucht, eine Plattform für den gesamtgesellschaftlichen Dialog anzubieten.
Das Projekt zukunftsgerecht „Die sozial-ökologische Transformation gemeinsam gerecht gestalten. Bündnisse von Sozial-, Wohlfahrts-, Umweltverbänden und Gewerkschaften“, gefördert von der Robert Bosch Stiftung.
Und manche, kleinere, vielleicht auch erst einmal lokale Ansätze gibt es auch: Ich weiß von AllWeDo e.V. in Freiburg. Dort werden – unter anderem – auch Zukunftsbilder für die Demokratie gesammelt. Diese Initiative darf gerne noch etwas bekannter werden.
Es ist eine Mammutaufgabe, die Sichtbarkeit und Akzeptanz von Zukunftsbildern partizipativ, verständlich und emotional ansprechend zu entwickeln. Entscheidend wird sein, dass sie weniger als abstrakte Expertisen, sondern als gemeinsame Gestaltungsaufgabe wahrgenommen werden – mit klaren Handlungsoptionen für jeden einzelnen Menschen im Lande.
7. Welche Impulse für die Entwicklung gesamtgesellschaftlich tolerierter oder gar konsensualer Zukunftsbilder fallen Ihnen ein?
Nehmen Sie sich ein paar Minuten für eine Reaktionen – ob Widerspruch, Zustimmung oder, sehr gerne auch Ergänzungen als Kommentar zu diesem Text. Danke
Quellen und Verweise
- Bildquelle: magnific.com
- Initiative D2023
- Projekt zukunftsgerecht, gefördert von der Robert Bosch Stiftung
- More in Common: Zukunft und Vertrauen: Was der Zusammenhalt 2030 braucht. Berlin, 2024
- AllWeDo e. V., Freiburg, sammelt Ideen für die Demokratie 2050
- (für Hinweise auf brauchbares Material bin ich dankbar)
- Dieser Text gehört zur Themen-Reihe „Demokratie sichern“
entwickelt im August 2026;
zuletzt inhaltlich bearbeitet am 12.08.2026/22:22 Uhr ausdrucken: Beitrag












