Unübersichtlichkeit und Unsicherheit gelassen aushalten

Besonders in unübersichtlichen Zeiten
– und sicherlich überhaupt im Leben –
ist die hier von Rilke ausgedrückte Fähigkeit,
das Offene auszuhalten
und Vertrauen in Lösungen zu haben,
erstrebenswert und hilfreich.

In einem modernen Emoticon, dem shruggy, wird dieser Haltung Ausdruck verliehen:

Emoticon Shruggie - aus japanischen Schriftzeichen zusammengesetzt

„… und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

Rainer Maria Rilke

Zitiert aus einem Brief an Franz Xaver Kappus,
geschrieben in Worpswede bei Bremen, am 16. Juli 1903

Davon wünsche ich allen Leserinnen und Lesern
und auch mir selbst
mehr
und übe mich selbst darin.

Weiterführende Links für Nonkonformisten

entwickelt im Dezember 2020;
zuletzt bearbeitet am 18.01.2024       Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Die Grundhaltung entscheidet (Profession Lehrkraft – 10)

Zusammenfassung

Lernerfolge hängen eng mit der Lern-Atmosphäre zusammen.
So hindert z. B. Angst und Stress das Lernen.
Darum ist der Umgang mit schwierigen Situationen eine wesentliche Aufgabe für Lehrerinnen und Lehrer.

Eine positive Grundhaltung zu Menschen hilft zum Lernen

Es darf als erwiesen gelten, dass eine freundliche und zugewandte Atmosphäre für Lernen in jeder Form hilfreich und außerdem angenehm ist.
Manche Menschen vermögen solche förderliche Rahmenbedingungen durch ihr persönliches Naturell, andere nach einigem Training und wieder andere durch harte Arbeit erreichen.
Darum habe ich an anderer Stelle formuliert, dass Lehrkräfte folgende Eigenschaft mitbringen sollen, wenn sie dauerhaft mit Freude erfolgreich unterrichten wollen:

  • kommunikative Persönlichkeit
  • an Menschen und deren erfolgreichem Lernen interessiert
  • selbstreflexiv
  • kooperativ
  • lernbereit (bereit zu Reflexion, zu kollegialem Feedback und Fortbildung)

Dann können Lehrerinnen und Lehrer durchaus von ihren Schülerinnen und Schülern auch als Vorbilder gewählt werden, also Bedeutung für die persönliche Weiterentwicklung gewinnen.

Andere Grundhaltungen lassen Lehrer auch als Hassfiguren erscheinen.

In einem Radio-Beitrag vom 10.03.12 von Klaus-Dieter Schuster mit dem sprechenden Titel Zwischen Vorbild und Hassfigur (leider nicht mehr online verfügbar) werden einige Beispiele von abwertendem und beschämenden Lehrer-Verhalten aus dem Erleben von Schülerinnen und Schülern dargestellt, die ich erschütternd finde.
Schulleitungen, Psychologen und betroffene Schülerinnen und Schüler und Eltern berichten und bewerten die Vorkommnisse.

Probleme ansprechen und bearbeiten

Wenn eine Situation zwischen Lehrkraft und Schüler/in unangenehm oder gar entwertend wahrgenommen wird, empfehle ich Klärungen zu versuchen.

Erster Schritt: Gespräch mit der Lehrkraft

Dringend empfehle ich allen Beteiligten zuerst den direkten Klärungsversuch: Schüler sprechen bitte die Lehrkräfte an und Lehrer/innen bitte die Schüler/innen – bevor Dritte eingeschaltet werden.

Sehr oft lassen sich unangenehme Erlebnisse auf diesem Wege ausräumen.

Zweiter Schritt: Gespräche mit Vertrauten

Wenn ein erster und direkter Klärungsversuch nicht gelingen sollte, so ist Unterstützung und auch Kontrolle durch den Kontakt mit Vertrauten zu empfehlen: Man schildert seine Wahrnehmungen und sein Erleben und bittet um Rückmeldungen und Einfälle.
Häufig werden Situationen durch solche Gespräche anders deutbar und es gelingt, Wege zur Klärung zu finden.

Wer niemanden findet, kann auch die anonyme NummergegenKummer wählen:

  • für Kinder und Jugendliche: 0800 111 0 333
  • für Eltern: 0800 111 0 550
  • oder sich für eine eMail-Beratung entscheiden
  • für Lehrer: Schulpsychologie-Portal
Dritter Schritt: Gespräch mit der Schulleitung

In den Fällen, in denen immer noch keine zufriedenstellende Klärung ereicht wurde, empfehle ich nun Schüler/innen oder Lehrer/innen die Schulleitung einzuschalten.

Im Kontakt mit den Schulleitungen ist zu erwarten, dass diese sich zuerst kollegial und schützend hinter die Lehrkraft stellt.
Das kann ein Lehrer / eine Lehrerin erwarten. – Dies bedeutet aber natürlich nicht, dass ein Gespräch mit der Schulleitung von vornherein nutzlos bleiben wird, denn die Leitung wird sicherlich auch versuchen, zur Klärung und Konflikt-Regelung beizutragen.

Vierter Schritt: Hilfe von außen holen

In Einzelfällen ergibt sich auch noch Einbindung der Schulleitung noch keine zufriedenstellende Klärung.

Dann ist die Anfrage um Unterstützung sinnvoll bei:

  • Beratungslehrer/in
  • Schulsozialarbeiter/innen
  • schulpsychologische Beratungsstellen
  • psychosoziale Beratungsstellen …

Feedback-Kultur ist im Konfliktfall sehr hilfreich

Eine Übung, sich gegenseitig Rückmeldung zu geben über angenehmes und eher unangenehm empfundenes Verhalten, widersprüchliche Wahrnehmungen auszusprechen und so dafür zu sorgen, dass alle ihr Verhalten reflektieren können, hilft in Konfliktfällen.

So haben manche Schulen Schüler-Lehrer-Gespräche, kollegiales Unterrichtsbeobachtungen, Schüler-Lehrer-Eltern-Gespräche und regelmäßige Feedbacks der Schüler/innen am Ende von Unterrichtseinheiten oder Schuljahren eingeführt.

An vielen Schulen gibt es inzwischen kollegiale Fallbesprechungsgruppe und auch Supervision oder Coaching.

Dank und weiterführende Links

erstellt am 14.03.2012; zuletzt inhaltlich leicht bearbeitet am 31.10.2016;
dysfunktionale Links entfernt zuletzt am 17.11.2025       Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Lernprozesse im Unterricht auswerten

AutorMichael Veeser-DombrowskiHinterlasse einen KommentarBearbeiten

Ich unterstelle allen Menschen zuerst einmal die Fähigkeit zur Neugierde und zum Lernen.

Meine Grundannahme ist, dass Menschen ursprünglich sehr neugierig und wissensdurstig sind und wir deshalb auf einer grundsätzlichen Bereitschaft zum Lernen aufbauen können.

(Dass viele Situationen den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen als wenig einladend zum Lernen erscheint, möchte ich hier nicht abstreiten. Das wird zu einem anderen Zeitpunkt auch einmal eine bearbeitenswerte Frage sein.)

Wenn die Schüler/innen wissen, was sie lernen wollen/sollen, gelingt es auch (besser).

In meinem Unterricht wird zu Beginn die Ausgangslage der Schülerinnen und Schüler erhoben. Dazu gehört die Frage nach den Vorkenntnissen, den Interessen, (inhaltlichen und methodischen) Erwartungen und Befürchtungen und die Information über Lernziele und mein eigenes Grundanliegen mit meinem Unterricht.
Abschließend an diese Standard-Fragen zu Beginn einer Unterrichtseinheit stelle ich die – für viele ungewohnte – Frage, woran die Schüler/innen am Ende erkennen werden, ob der Unterricht für sie ertragreich, also „gut“ war.
Alle diese Informationen werden zu Beginn der Einheit schriftlich für jede lernende Person und auch für mich als Lehrkraft festgehalten.

Zum Ende der Unterrichtseinheit wird dann bilanziert.

Solche oder ähnliche Fragen können dabei hilfreich sein:

  1. Welche erwarteten Inhalte wurden zufriedenstellend bearbeitet?
  2. Welche Fragen bleiben offen?
  3. Hat der Unterricht persönliche Kompetenzen gefördert?
  4. Kann das Erlernte auf andere Bereiche übertragen werden?
    (Zum Beispiel: Wurden Methoden erarbeitet, die sich auch zu anderen Themenstellungen sinnvoll einsetzen lassen?)
  5. War die Kurs-Gruppe oder Klasse hilfreich für das Lernen – oder: Was war nicht hilfreich?
  6. Welche Verhaltensweisen der Lehrkraft waren dem Lernen förderlich? – oder: Was hat gehindert?
  7. Bewerten Sie den Unterricht mit einer Schulnote und begründen Sie diese Wertung.

Im anschließenden Gespräch erfahren die Schülerinnen und Schüler mehr über die Einschätzungen der Lehrkraft und die Schüler/innen haben die Möglichkeit, ihre Eindrücke, Bewertungen und Ideen mitzuteilen.

Meine Erfahrungen mit Auswertungen von Unterricht sind positiv.

Das bedeutet nicht, dass alle Teilnehmer/innen meines Unterrichts begeistert sind.
In der Regel schätzen Schüler/innen meinen Unterricht besser ein, als ich selbst.
Gerade, wenn ich mich von einer Gruppen habe „herausfordern“ lassen, bin ich häufig überrascht, wie gut die Schüler/innen unterscheiden können und mir rückmelden, dass sie meinen Einsatz schätzen- auch wenn er sie gelegentlich anstrengt.

Wenn die Lehrkraft sich die Noten der Schüler/innen für den eigenen Unterricht begründen lässt, erfährt man als Lehrkraft eine Menge über die Wirkungen von eigenem Verhalten und auch viele Anregungen für die Optimierung des eigenen Unterrichtshandelns.
Dazu möchte ich ermutigen.

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erstellt am 18.06.2008; zuletzt leicht bearbeitet am 19.09.2025       Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag