Besonders in unübersichtlichen Zeiten – und sicherlich überhaupt im Leben – ist die hier von Rilke ausgedrückte Fähigkeit, das Offene auszuhalten und Vertrauen in Lösungen zu haben, erstrebenswert und hilfreich.
In einem modernen Emoticon, dem shruggy, wird dieser Haltung Ausdruck verliehen:
„… und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“
Rainer Maria Rilke
Zitiert aus einem Brief an Franz Xaver Kappus, geschrieben in Worpswede bei Bremen, am 16. Juli 1903
Davon wünsche ich allen Leserinnen und Lesern und auch mir selbst mehr und übe mich selbst darin.
Oft spielen wir anderen und uns selbst eine – meist künstlich-fröhliche – Rolle vor. Wenn wir uns trauen würden, zu zeigen, wer wir wirklich sind, könnten wir damit in Beziehung treten. Danach sehnen sich viele Menschen.
Ein ehrliches Gespräch tut gut.
Neulich, nach der Arbeit ergab sich ein spontanes Gespräch mit unerwarteter Offenheit von beiden Seiten. Niemand wollte dem anderen etwas vorspielen oder vortäuschen. Diese Ehrlichkeit tut gut.
Ich frage mich selbst, warum ich mich das nicht mehrfach traue.
Oft erwarten wir von uns und anderen fortdauernd gute Laune.
Umgekehrt, die immer und alltäglich gut gelaunten Dauer-Lächler sind doch auch nicht gut zu ertragen: Mein Leben verläuft nicht so, dass ich immer lachen kann. Ich vermute, dass dies keine Ausnahme ist.
Selbstverständlich bin ich gerne erfolgreich.
Ich strebe den Erfolg gerne selbst an.
Allerdings ist es wohl kaum realistisch, den Dauer-Erfolg zu behaupten. Das ist fast immer unwahr! – Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass irgend jemandem immer alles glückt. Wenn ich genauer hinschaue, erkenne ich bei mir und anderen ein realistisches Spiel von Aufs und Abs.
Masquerade von Aziz K. – ein Kurzfilm
In einem leider nicht mehr verfügbaren Blog von Daniel Mihajlovic (Stand: 1.11.2023) fand ich den Hinweis auf einen nachdenklich machenden Kurzfilm, den ich hier gerne weiter bekannt mache:
Ich bin begeistert, wie in dieser kurzen Sequenz so viel Erfahrung dargestellt wird.
Auch die verbreitete Traurigkeit darüber wird deutlich, wie wenig sich Menschen gegenseitig ehrlich zeigen und zumuten.
Und es gibt noch andere Erfahrungen:
Wer sich ehrlich zeigt, tritt damit in Beziehung.
Meine Erfahrung ist es, dass eine ehrliche Aussage über sich selbst Beziehung anbahnen und vertiefen kann.
Das geht nicht immer, aber es geht wahrscheinlich öfter, als ich es mich selbst traue.
In ehrlichen Beziehungen gelingt existentielles Lernen, das heißt, man kann (sich und andere) erziehen.
Eine weitere, für mich wichtige Erfahrung ist, dass ehrliche Beziehung auch in der Erziehung und Förderung von Kindern und Jugendlichen eine wesentliche Bedeutung hat. – Ich habe über die Jahre gerlernt, dass ehrliche Beziehungen die Grundlage der Erziehung eigener Kinder und von Kindern und Jugendlichen in der Jugendarbeit und auch in der Schule darstellt.
Der dänische Familien-Berater Jesper Juul beschreibt diese Grundhaltung der Gleichwertigkeit von Kindern und Jugendlichen in seinem Bestseller „Das kompetente Kind“ sehr anschaulich, glaubwürdig und für mich erhellend. – Ich habe von diesem Perspektiven-Wechsel sehr profitiert und wünsche dies möglichst vielen anderen, die mit Menschen umgehen, auch.
Welche Aufgabe hat Supervision für ehrliche Beziehungen?
Sollte jemand sich für diesen Weg entschieden haben, so kann in Supervision diese Entscheidung für eine andere Verhaltensweise unterstützt werden:
eingeübtes Rollen- und Beziehungs-Verhalten kann mit Hilfe der Supervision bei sich selbst entdeckt werden
diese Rollen und Verhaltens-Routinen wurden im Leben durch bestimmte Rahmenbedingungen entwickelt und trainiert. Diese Geschichte kann man unter Supervision teilweise rekonstruieren.
unterscheiden, welche Rollen und Gewohnheiten sinnvolle Entlastung darstellen und welche hinderlich sind
alternative Verhaltensmöglichkeiten entwickeln und einüben.
Wie denken Sie darüber?
Über Rückmeldungen und Diskussionsbeiträge freue ich mich.
Weiterführende Links
Dieser Beitrag gehört zur Reihe „selbstmotiviert lernen“
Viele Menschen empfinden ihr alltägliches Leben eher als hart und eben gerade nicht als „lustig“.
Gelingt es dann doch, die Umstände und Situationen humoristisch anzusehen, wird
Ernstes unernst
Ausgeblendetes sichtbar
und oft Unsagbares sagbar.
Darum – finde ich – lohnt es sich, eine humorvolle Haltung zu sich selbst und seinen Lebensumständen zu entwickeln. Ja, ich bin der Meinung, man könne dies auch üben. Am Ende dieses Textes habe ich zwei Bücher empfohlen, die ich dafür hilfreich finde.
Eine wichtige Funktion einer humorvollen Lebenseinstellung: Humor kann neue Sichtweisen eröffnen.
Genau dies finde ich persönlich und aus meiner beruflichen Sicht auf Menschen und Situationen am Humor so anregend und aufregend:
Mit Humor lassen wir mehr als eine Deutung oder Sicht zu, wir werden beweglicher und vielfältiger.
Mit Humor können eingewöhnte Muster unterbrochen werden: Plötzlich sehen wir etwas Neues oder empfinden Gewohnheiten oder Vorlieben neu und anders, vielleicht zuerst einmal auch etwas fremd ….
Mit Humor macht das Leben uns selbst und unserer Umgebung mehr Freude.
Denn: Wer lacht oder schmunzelt nicht gerne? Und für Beratungen (Supervision und Coaching) oder Unterricht ist es allemal günstig, wenn mehr als nur eine Deutung möglich wird.
Eine spontane – und subjektive – Auswahl von witzigen Bemerkungen
Ein guter Chef macht nicht alle Fehler selbst. Er gibt auch anderen eine Chance!
Wer zuletzt lacht, hat es nicht eher begriffen.
Nach vielen Jahren trifft der alte Mathematiklehrer seinen schlechtesten Schüler, als er gerade einem stattlichen Fahrzeug entsteigt. Er selbst fährt noch immer eine verbeulte Rostlaube. – „Dir scheint es ja gut zu gehen, Moritz!“, sagt der alte Lehrer. „Was machst Du denn beruflich?“ – „Ich handle mit Südfrüchten.“ – „Und wie machst du das?“, möchte der Lehrer wissen. – „Ganz einfach,“ antwortet Moritz, „ich kaufe eine Kiste Orangen für 10 € im Großhandel und verkaufe sie wieder für 30 €. Von diesen drei Prozent lebe ich ganz gut.“ (Frei nach Titze/Patsch: Die Humorstrategie; 49)
Vielleicht ist der Sommer und die Ferienzeit genau die geeignete Zeit, dem Leben etwas „Witz“ abzugewinnen. Das wünsche ich Ihnen von Herzen.
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