Wer kennt das nicht? – Hinterher bin ich immer schlauer!
Nach einer herausfordernden Situation fallen mir oft weitere mögliche Entgegnungen, Redebeiträge oder kluge Fragen ein. Ich wäre gerne geistesgegenwärtiger, schlagfertiger oder reaktionsschneller. –
Die gute Gelegenheit scheint aber vorüber!
Wer legt das fest? Warum lege ich mich fest?
Warum lasse ich mich oft einschränken?
Vielleicht sollte ich mir und der Situation eine weitere, zweite Chance geben!
Was ist der zweite Blick?

Ich schlage regelmäßig „den zweiten Blick“ vor: Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, nochmals über das Zurückliegende nachzusinnen und alternative Umgangsweisen oder andere Reaktionen durchzuspielen.
Es geht darum, sich Zeit und Gelegenheit zu nehmen, um über das Zurückliegende nachzusinnen, zu reflektieren und einen anderen Ausgang für möglich zu halten.
Damit gebe ich mir selbst die Chance, aus Gewohnheiten, Standardbewertungen und damit der unwillkürlichen, automatischen Steuerung meines Lebens (dem „Autopilot-Modus“) auszusteigen.
Reflexion hat Vorteile.
Reflexion ist ein mächtiges Werkzeug. Sie ermöglicht es uns, unsere Gedanken und Handlungen zu überprüfen und zu verbessern. Durch Reflexion können wir mehr und möglicherweise bessere Einfälle finden. Im Nachhinein, beim zweiten Blick, fallen uns oft klügere Lösungen ein.
Zudem gibt uns die Reflexion mehr Wahlfreiheit. Durch das Überdenken von Situationen erkennen wir, dass nichts wirklich alternativlos ist. Dabei können reflexartige Reaktionen noch einmal kritisch beleuchtet, tiefer durchdrungen und möglicherweise auch korrigiert werden.
Allgegenwärtige Dilemmata und Ambivalenzen wahrnehmen und aushalten
Mit mehr Ruhe und Distanz kann ich auch Dilemmata und Ambivalenzen als Realitäten in meinem Leben erkennen und würdigen. Manche antrainierte Routine stammt aus dem Vermeidungsversuch dieser tatsächlich kaum zu vermeidenden Spannungsfelder.
Erst ein ruhiger und zweiter Blick lässt zwiespältige Gefühle und Spannungen zu. Die Hoffnung, Dilemmata aufzulösen, halte ich für eher idealistisch. Realistisch ist wohl eher, einen geduldigen Umgang damit zu finden und sie zu ertragen.
Ressourcen und Wahlfreiheit
Reflexion offenbart mehr Ressourcen und Wahlfreiheit. Wenn wir uns Zeit nehmen, um über Situationen nachzudenken, erkennen wir, dass es oft viel mehr Möglichkeiten gibt, als wir zunächst dachten.
Dies gibt uns die Freiheit, uns für die beste und angemessene Option zu entscheiden.
Im Laufe der Einübung kann außerdem eine reflexive Grundhaltung entstehen, die zu schnelle Reaktionen bei wesentlichen Punkten vermeidet und zu spontane Fehlleistungen eher minimieren.
Stimmigkeit und stimmige Kommunikation
Stimmigkeit ist wichtig für unser Wohlbefinden und unsere Beziehungen. Durch den zweiten Blick können wir unsere Kommunikation verbessern und sicherstellen, dass unsere Worte und Handlungen im Einklang mit unseren Werten stehen. Stimmige Kommunikation ist ein Weg zu erfolgreichen Beziehungen und einem erfüllten Leben.
Praktische Anregungen
Wie kann man den zweiten Blick umsetzen? Hier sind einige Wege:
- Reflexionszeiten einüben, etwa Tagebuch, Briefe oder andere Texte schreiben: Ein Tagesrückblick am Abend oder das Aufschreiben von Gedanken können helfen, Situationen besser zu verstehen und den Raum für alternative Lösungen zu eröffnen.
- Kurzfristige, gedankliche Reflexion und zeitnahe Korrektur: In manchen Alltagssituationen erlebe ich, dass ich mich zu einer schnellen und unklugen Aus- oder Zusage hinreißen lasse. Dann bemerke ich schon beim Herausgehen aus der Situation eine Unstimmigkeit oder ein Bedauern. Z. B. „Hier hätte ich realistisch sicher nicht zusagen dürfen! Warum habe ich nicht Nein gesagt?“
Hier empfehle ich, sich kurz Zeit zu nehmen und dann – lieber zeitnah als mit längerem Abstand – das Geschehene nochmals anzusprechen und die passendere Antwort zu geben, zum Beispiel „Danke, dass Du mir das zutraust und es lockt mich auch. Tatsächlich ist es für mich realistisch nicht zu leisten und ich muss Dir leider absagen.“ - Gespräche mit vertrauten Menschen: Durch das Nachbesprechen von Situationen mit anderen können wir neue Perspektiven gewinnen. Tatsächlich hilft mir die Suche nach Formulierungen zu einem tieferen Verständnis.
- Kollegialer Beratung: Manchmal helfen Kolleg*innen. Eine bewährte Struktur für kollegiale Beratung können Sie hier herunterladen (pdf; 283 KB).
- Professionelle Begleitung im Coaching oder der Supervision
Manchmal reichen eigene Arbeit oder die Unterstützung des sozialen Umfeldes nicht aus und es ist sinnvoll, sich professionelle Unterstützung zu gönnen. Mehr dazu und zu meinen Angeboten
Probieren Sie die zweite Chance aus!
Der zweite Blick ist eine wertvolle Möglichkeit zum besseren Verständnis von Situationen, zu besseren Entscheidungen und zu stimmigeren Kommunikation.
Warum nicht regelmäßig den zweiten Blick einüben?
Sicher bedarf jede neue Gewohnheit Übung:
- Man kann üben, den zweiten Blick überhaupt erst zuzulassen.
- Und man kann üben, mit der nötigen Freiheit – zum Beispiel – eine vorschnelle Zusage auch wieder zurückzunehmen.

Quellen und Verweise
- Ambivalenz und Dilemma sind wohl unvermeidlich.
- Stimmige Kommunikation nach F. Schulz von Thun (empfehlenswerte Folge aus dem Podcast Hotel Matze: Masterclass Kommunikation vom 3. September 2025)
- Kollegiale Beratung: Dazu können Sie eine bewährte Struktur für kollegiale Beratung hier herunterladen (pdf; 283 KB).
- Bilder (gemeinfrei) aus wikimedia
- Meine eigenen Angebote stelle ich hier vor.
- Dieser Text gehört zur Reihe Profession Supervision
entwickelt zwischen Mitte Oktober und Mitte November 2025;
zuletzt geändert am am 21.11.2025
Drucke diesen Beitrag