Profession Lehrkraft (4): Unterrichtsstörungen und Chaos im Klassenzimmer begrenzen

Zur Professionalität von Lehrkräften zähle ich

  • persönliche Kompetenz (persönliche Bewusstheit, Selbstreflexivität, Lernbereitschaft, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit und Glaubwürdigkeit)
  • ausgewiesene Fachkompetenz für die unterrichteten Fächer
  • pädagogische Kompetenz (Zielgerichtetheit des pädagogischen Verhaltens auf dem Hintergrund eines eigenen pädagogischen Konzeptes)

Zurecht werden Schulen kritisiert, wenn Unterricht nicht stattfindet oder statt dessen Chaos im Klassenraum herrscht.

Regelmäßig nehmen Medien sich der Themen Unterrichtsstörungen, fehlender Lernbereitschaft von Schüler-Gruppen und der Ohnmacht einzelner Lehrkräfte an. So zeigte das Magazin Panorama im Ersten Deutschen Fernsehen am 5. Juli 2007 erschreckende Ausschnitte aus Video-Clips, die im Internet über Youtube frei zugänglich waren. Zwischenzeitlich ist die Paorama-Sendung vom 5. Juli 2007 nicht mehr im Netz zugänglich. Das Manuskript der Panorama-Sendung steht leider auch nicht mehr zur Verfügung.

Zusammenfassend einige Eindrücke zu solchen Szenen:

  1. Es ist uangenehm laut im Klassenraum.
  2. Die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten werden in den ursprünglichen Videos missachtet, denn jeder Mensch hat ein Recht darauf, mitzubestimmen ob und wie man Filmaufnahmen von ihr/ihm machen darf. – Im von Panorama ausgestrahlten Video wurden die Gesichter aus diesen Gründen unkenntlich gemacht. – Viele Schulen ergänzen derzeit Ihre Schulordnungen und verbieten Aufzeichnungen vom Unterricht ohne Genehmigung noch einmal ganz ausdrücklich.
  3. Die Schulordnung wird krass missachtet: Es wird durcheinander gesprochen, gepöbelt und geraucht. Jeder tut, was gerade einfällt.
  4. Man kann Schülerinnen und Schüler dabei beobachten, wie sie jeden Unterricht unmöglich machen.
  5. Man kann ohnmächtige oder teilnahmslose, das heißt wirkungslose Lehrer beobachten.
  6. In diesem Chaos ist offensichtlich kein vernünftiges Lernen möglich.
  7. Update: Inzwischen fällt mir auch die Beziehungslosigkeit zwischen allen Beteiligten auf.

Bemerkenswert finde ich dabei,

  • dass solche Filmausschnitte große Aufmerksamkeit bekamen (über 89.200 Klicks; Stand: 7.11.2008)
  • dass dieses Video unter „fun“ bei isnichwahr.de verlinkt ist, also als „lustig“ bewertet wird
  • dass die zuständigen Leitungen von Schulen und Schulaufsicht diese „Fälle“ herunterspielen und ausweichend reagieren
  • dass in diesem Video-Ausschnitt und der zugehörigen Kommentierung des Redakteurs und in einer Bemerkung des Psychologen Prof. Dr. U. Schaarschmidt der Eindruck nahe gelegt wird, dies sei der „Normalfall“. –
    Hier widerspreche ich energisch: In meinem Erfahrungsbereich sind solche Zustände absolut undenkbar!
    Allerdings kommen immer wieder Klassen-Situationen vor, in denen Kolleg/innen und ich entstehendes Chaos begrenzen und unterbinden müssen.

Auf eine so extreme Unterrichtsstörung muss man nachdrücklich reagieren!

Solche Situationen sind oft das Ende einer langen, mühsamen und erfolglosen Geschichte von Lehr-Lern-Bemühungen.

Ich behaupte: Szenen dieser Art sind nicht der Normalfall von Unterricht – auch nicht an den angeblich so „schwierigen“ Berufsschulen.
(Ich unterrichte selbst an einem technischen Berufsschulzentrum in Freiburg und weiß, wovon ich schreibe!)

Andererseits kann ich mir aus meinen Erfahrungen als Lehrer-Coach gut vorstellen, wie sich solche Situationen im Laufe der Zeit bei einzelnen Lehrerinnen und Lehrern und einzelnen Klassen entwickeln und zuspitzen können.

Ist es erst einmal zu solch chaotischen Verhältnissen gekommen, ist Veränderung dringend notwendig.
Allerdings ist ein Umgestaltung solcherart eskalierter Situationen mühsam.

Was kann eine Lehrkraft in einem solchen Umfeld tun?

  • Allein kommen Lehrpersonen in solchen Problem-Lagen nicht mehr weiter.
    Hier sind das Klassen-Lehrer-Kollegium, die Schulleitung und die Schulbehörde – als verantwortliche Leitungsinstanzen – gefordert.
  • Außerdem ist externe Hilfestellung von sozialpädagogischem und psychologischem Fachpersonal, besonders Schulsozialarbeitern gefragt.
    (Leider wird an dieser Stelle immer noch gespart. Es ist nach meiner Erfahrung und Bewertung eindeutig die falsche Stelle!)
  • Den betroffenen Lehrkräften ist dringend persönliche Hilfestellungen von Fachpersonen zu wünschen, denn solche Erlebnisse sind hoch belastend für die Betroffenen.
    Ein erster Schritt dazu kann kollegiale Beratung, eine Supervision, ein Coaching oder auch eine Gruppensupervision für Lehrkräfte sein.

Weitere Aspekte von möglichen Unterrichtstörungen

  • Je größer Klassen sind, weil wieder „gespart“ wird, und je unterschiedlicher und/oder „schwieriger“ die Geschichte der einzelnen Schülerinnen und Schüler ist, um so wahrscheinlicher kann eine Klasse sich so entwickeln, dass Unterricht in diesem Rahmenbedingungen zumindest anstrengend, wenn nicht unmöglich wird.
  • Je weniger Eltern und andere Erziehungsinstanzen vor den Schulen erfolgreich waren, um so mehr Erziehungsarbeit bleibt den Lehrkräften – unter Beibehaltung Ihres inhaltlichen Unterrichtsauftrags.
  • Wenn Lehrkräfte in ihrer Rolle zunehmend verunsichert werden und zu diesem Themenbereich keine oder wenig kollegialer Austausch und wenig hilfreiche Fortbildungsangebote – auch Supervisionen oder Coaching – angeboten werden, reagieren Lehrerinnen und Lehrer auch wahrscheinlicher ungünstig, zum Beispiel eskalieren statt überlegt und entschieden zu korrigieren.
  • Manche Unterrichtsstörung ist auch ein Hinweis auf Veränderungsbedarf.
  • Statt einzelne Personen (Schülerin, Schüler oder Lehrerin oder Lehrer) dafür verantwortlich zu machen, kann es auch sehr sinnvoll sein, nach dem „Aussagewert“ oder der Nachricht hinter der als „gestört“ wahrgenommenen Situation zu suchen. – Oft benötigen Betroffene, um dies sehen zu können, einigen Abstand und Entlastung. – Reflexionen in kollegialen Gesprächen, kollgialen Beratungen und auch Supervision/Coaching sind dazu hilfreich.
  • Dazu zähle ich auch die zunehmende Heterogenisierung der Schülergruppen über kulturelle Vielfalt. (Zum Beispiel kommt es zu einem kulturellen Zusammenstoß, wenn arabisch-stämmige, junge Männer mit einer weiblichen Lehrkraft konfrontiert werden und lernen müssen, dass im westlich geprägten Deutschland auch Frauen mit Männern gleichberechtigte Leiterinnen von Unterricht oder Betrieben sein können. – Dazu fällt uns in der Lehrerschaft oft noch wenig ein!)
  • Es gibt immer noch viel zu wenig „bewegte Pädagogik“, also die Durchlässigkeit der Unterrichtssituationen für den natürlichen Bewegungsdrang der Schüler*innen.
  • Aktuell dazu: Bent Freiwald in krautreporter.de „Warum Kinder in der Schule nicht stillsitzen sollten. – Es schadet nicht nur ihrer Gesundheit, sie lernen deshalb auch schlechter.“

Es gibt schon hilfreiches und anregendes Material zur Vorbeugung von Unterrichtsstörungen. Einige Beispiele:

Beziehungsaufbau im pädagogischen Zusammenhang ist wesentlich für gelingendes Lernen.
Ein eigenes Unterrichtskonzept ist sehr hilfreich für klare Kommunikation und Reflexion.
Ein zur Lehrer-Persönlichkeit passendes Methoden-Repertoire ist sicher hilfreich. Beispielhafte, methodische Anregungen gibt es vielfältig, z. B. auch auf Seiten von Universitäten, hier der in Köln.
Dieser Text gehört zur Text-Reihe Profession Lehrkraft

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wesentlich entwickelt im November 2008;
zuletzt überarbeitet am 14.11.2025      Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Warum Organisationen nur mühsam verändert werden können

Neulich wurde ich gebeten, zum Thema „Änderung der Konferenzstruktur in Schulen“ zu schreiben.

Mir scheint das Thema deutlich komplexer, als man auf den ersten Blick vermuten könnte.

Viele Änderungs-Impulse scheitern

Am Beispiel der Verbesserung der Konferenz-Vorbereitung und Durchführung gibt es viele klugen Vorschläge. Auch ich habe dazu schon beigetragen:

Mein Vorschlag war, schon bei der Sammlung der möglichen Tagesordnungspunkte die Teilnehmenden einzubeziehen und nach Ziel, passender Methode, Zeitbedarf und Moderation zu fragen.

Dieser Veränderungsversuche von Konferenzkultur wurden auch erprobt und hatten – nach meiner Einschätzung – auch eine Zeit lang funktioniert.

Langfristig rekonstruieren sich die Zustände vor den Veränderungsimpulsen aber wieder und es bleibt Vieles, wie es schon vorher lange war.

Dazu vertrete ich inzwischen die These:

Konferenzen sind ein Ausdruck der Organisationskultur (in meinem Beispiel: der Schule) und können nachhaltig nicht als losgelöste Elemente geändert werden. – Wohlmeinende Versuche werden oft darin münden, dass die alte und lange eingeübte Struktur sich wieder herstellt. (Viele sind erstaunt, manche enttäuscht.)

Erklärungsversuche

Wer sich länger mit der Dynamik von Systemen, den Gesetzmäßigkeiten von Organisationen (hier am Beispiel des Systems Schule) beschäftigt hat, der wird nicht überrascht werden:

  1. In Konferenzen wird eine wesentlicher Ort der Kommunikation in der Organisation (der Schule) sichtbar und greifbar.
  2. Damit kommen mindestens diese weiteren Themen mit ins Spiel
  • Selbstbilder der Kollegen
  • Leitungsvorstellung
  • Konflikt-Kultur
  • veröffentliche Werte und Verfahren (Leitbild) besonders der Thema „Gestaltung von Veränderungen“
  • und – ganz wesentlich – die Identitätsfrage: Wer sind wir und wollen wir sein?

Auch Systeme können zu Entwicklungen angeregt werden!

Die Anzahl gescheiterter Änderungsversuche in meinem Wahrnehmungsbereich ist groß. Dies heißt nur, dass es nicht so einfach ist, eine Organsiation zu Veränderungen anzustoßen, wie dies vielleicht auf den ersten, naiven Blick angenommern werden könnte. Sehr oft werden die Beharrungskräfte von Organisationen deutlich unterschätzt.

Bedingungen für den Erfolg solcher Anregungen sind die eingehende Beschäftigung mit

  • dem Veränderungswillen und was dieser für die Organisation bedeutet
  • der Kultur der Organisation (besonders im Umgang mit Irritationen)
  • den Systembedingungen (Wie definiert sich das System? Nach welchen „Spielregeln“ lebt das System?)

Schließlich kann dann bewusst, mit Nachdruck und einem langen Atem interveniert und aufmerksam registriert werden, wer und was sich bewegt und wie die Organisation sich verändert.

Wer Systeme zu Entwicklungen anregen möchte, benötigt ein hilfreiche Theorie.

Wer Systeme mechanisch versteht, missversteht sie gründlich. Einladungen zu diesen Missverständnisse aus unserem Alltgasbewusstsein sind reichlich. Systeme sind aber wesentlich komplexer, als wir normalerweise wahrnehmen!

Wer Systeme zu Entwicklungen anregen möchte, muss sie – mindestens teilweise – verstehen. Wir benötigen eine Theorie, welche der komplexen Thematik angemessen komplex und dennoch handhabbar ist. Von Lisa Roth habe ich dazu einen sehr aufschlussreichen und anregenden Text gelesen, den ich hier gerne weiter empfehle: Bis Du nicht willig, so brauch ich Gewalt? – Systemtheorie für Lehrer: Helmut Willkens Grundzüge einer Theorie der Intervention in komplexe Systeme (auf shift. Weblog zu Schule und Gesellschaft; August 2012)

Was Lisa Roth hier schreibt finde ich allgemein für Organisationen anregend. Herr Willke behandelt ja auch ganz allgemein „Interventionstheorie“.

Ich las ihren und seinen Text mit großem Gewinn und auch mehrfach und empfehle beide gerne weiter.

Das Buch von Helmut Willke lohnt sich: Es ist anspruchsvoll und verständlich – eine wohltuende Mischung aus sorgfältiger Beobachtung und erhellender Theorie.

Weiterführende Links

erstellt am 16.10.2014; zuletzt bearbeitet am 22.12.2014       Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag